Worte über Vernunft

Zusammengestellt und mit einem Vorwort versehen von
Prof. Dr. Arnulf Burckhardt

Vorwort

»Verachte nur Vernunft und Wissenschaft,
Des Menschen allerhöchste Kraft« …

Das waren die Worte eines infamen Selbstgesprächs des Mephisto (Goethe, Faust I, Studierzimmerszene). So hat sich »der Geist, der stets verneint«, sein Rüstzeug gedacht, den strebenden und irrenden Faust für sich zu gewinnen. Es gelang ihm nicht.

Das Ringen um Vernunft ist bis heute nicht entschieden.

Die Rolle der Vernunft in unserer Gesellschaft und im persönlichen Leben hat zu jeder Zeit die Menschen bewegt und gewinnt heute allein schon wegen der ungeheuren Anzahl von kleinen und großen Entscheidungen, die täglich zu treffen sind und von denen viele denken, dass sie vernünftig seien, an Bedeutung.

Man tut gut daran, sich der Vernunft aus der Sicht der Hirnforscher und Neuropsychologen zu nähern; das sind die kompetenten Fachleute, die wissen und erforschen, wo, wann und wie Vernunft, Verstand und Weisheit entstehen und welche Störungen dabei auftreten können (vgl. Roth, 2015).
Um klar zu sagen, was man meint, sollte Vernunft von Rationalität unterschieden werden. Oft wird der lateinische Begriff »ratio« mit »Vernunft« übersetzt, und » Rationalität« mit »vernunftgeleitetem Denken und Handeln« gleichgesetzt. Würde man keine Unterscheidung zwischen Vernunft und Rationalität treffen, so käme man bei Martin Luthers Worten von der »Vernunft als des Teufels Hure« in Erklärungsschwierigkeiten. Luther setzte ratio = Vernunft und verurteilte folgerichtig die Vernunft (Rationalität) des Bösen und lobte andererseits die durch Gott erleuchtete Vernunft (Rationalität).
Es gibt also rationelle Methoden, um mit einem günstigen Kosten-Nutzen-Verhältnis zu fehlerfreien und risikoarmen Entscheidungen zu gelangen. Sie beginnen mit der Problemerkenntnis, erfordern eine gründliche Analyse (Diagnose), führen Vergleichsuntersuchungen und Folgeabschätzungen durch, ermitteln die notwendigen Kräfte und Mittel, arbeiten Varianten aus und wägen ab. Mit Hilfe dieser Rationalität kann man einen Banküberfall planen, den Bau einer Autobahn vorbereiten, eine Wahl gewinnen oder einen Rechtsstreit beenden.
Unter welchen Bedingungen aber ist die Anwendung von rationellen Methoden auch vernünftig? Das ist von ihren Zielen abhängig. Denken und Handeln sind dann vernünftig, wenn sie menschenwürdig sind, dem Gemeinwohl dienen und verständigen Menschen empfohlen werden können.
Eine Auswahl von »Worten über Vernunft« zeigt den Reichtum an Gedanken zu diesem Thema.
Sie unterfüttern die Aufsätze »Lektionen der Vernunft«, »Praktische Vernunft« und »Sieg der Vernünftigen«.

 

Auswahl von Zitaten

Aktiengesetz

§ 93 Sorgfaltspflicht und Verantwortlichkeit der Vorstandsmitglieder

»(1) Die Vorstandsmitglieder haben bei ihrer Geschäftsführung die Sorgfalt eines ordentlichen und gewissenhaften Geschäftsleiters anzuwenden. Eine Pflichtverletzung liegt nicht vor, wenn das Vorstandsmitglied bei einer unternehmerischen Entscheidung vernünftigerweise annehmen durfte, auf der Grundlage angemessener Information zum Wohle der Gesellschaft zu handeln.«

Papst Benedikt XVI

Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls Nr. 174

»Christlicher Gottesdienst ist Gottesdienst, der im Einklang mit dem ewigen Wort und mit unserer Vernunft steht.« (S. 78) (Vgl. Röm. 12, 1)

»Die Grundentscheidungen, die den Zusammenhang des Glaubens mit dem Suchen der menschlichen Vernunft betreffen, die gehören zu diesem Glauben selbst und sind seine ihm gemäße Entfaltung.« (S. 82)

»Nicht vernunftgemäß, nicht mit dem Logos handeln ist dem Wesen Gottes zuwider.« (S. 84)

»Gott handelt mit Logos. Logos ist Vernunft und Wort zugleich – eine Vernunft, die schöpferisch ist und sich mitteilen kann, aber eben als Vernunft. Johannes hat uns damit das abschließende Wort des biblischen Gottesbegriffs geschenkt, in dem alle die oft mühsamen und verschlungenen Wege des biblischen Glaubens an ihr Ziel kommen und ihre Synthese finden. Im Anfang war der Logos, und der Logos ist Gott, so sagt uns der Evangelist.« (S. 75)

»Die moderne naturwissenschaftliche Vernunft mit dem ihr innewohnenden platonischen Element trägt eine Frage in sich, die über sie und ihre methodischen Möglichkeiten hinausweist. Sie selber muss die rationale Struktur der Materie wie die Korrespondenz zwischen unserem Geist und den in der Natur waltenden rationalen Strukturen gan z einfach als Gegebenheit annehmen, auf der ihr methodischer Weg beruht. Aber die Frage, warum dies so ist, die besteht doch und muss von der Naturwissenschaft weitergegeben werden an andere Ebenen und Weisen des Denkens – an Philosophie und Theologie.« (S. 83)

Simone de Beauvoire

Die Autorin lässt ihren Protagonisten Graf Fosca, der unsterblich ist, als persönlichen Berater Kaiser Maximilians und Karls V. in Mecheln beim Gang durch die abendlichen Straßen (als eine Person des XVI Jahrhunderts, in dem Sklaverei herrschte) sagen:

»Die Weisen des Jahrhunderts sagten, es sei die Zeit gekommen, wo die Menschen die Geheimnisse der Natur erkennen und beherrschen würden; dann würden sie beginnen, sich das Glück zu erobern. Ich dachte: Das wird mein Werk sein. Eines Tages muß ich die Welt in meinen Händen halten; dann wird keine Kraft mehr vergeudet, kein Reichtum verschwendet werden; ich werde die Zwietracht beenden, die unter den Völkern, den Rassen, den Religionen herrscht, ich werde ein Ende machen mit der ungerechten Willkür. Ich werde über die Welt als guter Wirtschafter herrschen so wie vor Jahrhunderten über die Speicher von Carmona. Nichts wird den Launen der Menschen mehr anheimgestellt sein, nichts den Zufällen des Geschicks. Vernunft wird die Welt regieren: meine Vernunft.« (S. 215)

Alle Menschen sind sterblich. Rowohlt Taschenbuch Verlag, 41. Aufl., Juni 2014

Jahrhunderte später. Es ist Revolution. Das Volk bewegt sich zur Bastille. Fosca ist unter ihnen, denkt:

» … es wird ein Zeitalter kommen der Gerechtigkeit, Freiheit, Brüderlichkeit, bald wird die Vernunft die Welt regieren, meine Vernunft,« … . (S. 467)

Herbert Blomstedt

Interview vom 11. 7. 2012 mit der Leipziger Volkszeitung, S.9

»Glück ist die Folge von vernünftigem Leben – und von empfangenen Gaben. Und dann muss noch Fortüne dazukommen, dass sie aufgehen, die Gaben, dass sie sich entfalten.«

Berthold Brecht

Leben des Galilei.
Dialog zwischen Galilei und dem Kleinen Mönch.

Kleiner Mönch:
»Und sie meinen nicht, dass die Wahrheit, wenn es Wahrheit ist, sich durchsetzt, auch ohne uns?«

Galilei:
»Nein, nein, nein. Es setzt sich nur so viel Wahrheit durch, als wir durchsetzen; der Sieg der Vernunft kann nur der Sieg der Vernünftigen sein.«
(S. 118/119)

Dialog zwischen Galilei und Sagredo:

Galilei:
» … Ich glaube an den Menschen, und das heißt, ich glaube an seine Vernunft! Ohne diesen Glauben würde ich nicht die Kraft haben, am Morgen aus meinem Bett aufzustehen.«

Sagredo:
»Dann will ich dir etwas sagen: ich glaube nicht an sie. Vierzig Jahre unter den Menschen haben mich ständig gelehrt, dass sie der Vernunft nicht zugänglich sind. Zeige ihnen einen roten Kometenschweif, jage ihnen eine dumpfe Angst ein, und sie werden aus ihren Häusern laufen und sich die Beine brechen. Aber sage ihnen einen vernünftigen Satz und beweise ihn mit sieben Gründen, und sie werden dich einfach auslachen.«
(S. 52/53)

Und weiter:

Galilei:
» … Ja, ich glaube an die sanfte Gewalt der Vernunft über die Menschen. Sie können ihr auf die Dauer nicht widerstehen. Kein Mensch kann lange zusehen, wie ich – er lässt aus der Hand einen Stein auf den Boden fallen – einen Stein fallen lasse und dazu sage: er fällt nicht. Dazu ist kein Mensch imstande. Die Verführung, die von einem Beweis ausgeht, ist zu groß.«
(S. 54)
Aufbau - Verlag Berlin 1958

Papst Franziskus

Laudato si. Die Umwelt – Enzyklika des Papstes.

»Der Respekt des Glaubens gegenüber der Vernunft impliziert, all dem Aufmerksamkeit zu schenken, was die unabhängig gegenüber wirtschaftlichen Interessen entwickelte biologische Wissenschaft selbst im Hinblick auf die biologischen Strukturen und deren Möglichkeiten und Veränderungen lehren kann.« (Nr. 132)

»Der moderne Anthropozentrismus hat schließlich paradoxerweise die technische Vernunft über die Wirklichkeit gestellt, …«. (Nr. 115)

Lumen fidei. Enzyklika des Papstes.

Die Begegnung der Botschaft des Evangeliums mit dem philosophischen Denken der Antike »begünstigte eine fruchtbare Wechselbeziehung zwischen Glaube und Vernunft, die sich im Laufe der Jahrhunderte weiter entfaltete bis herauf in unsere Tage. Der selige Johannes Paul II. hat in seiner Enzyklika Fides et ratio gezeigt, wie Glaube und Vernunft sich gegenseitig stärken.« (Nr. 32)

Francisco de Goya

»Die Phantasie, verlassen von der Vernunft, erzeugt unmögliche Ungeheuer; vereint mit ihr ist sie die Mutter der Künste und Ursprung der Wunder.«

Soll Goyas Kommentar zu diesem Bild (Bild Nr. 43 zu den Radierungen aus Goyas 1799 veröffentlichten Sammlung „Caprichos“) gewesen sein.
78. Sitzung der Humboldt – Gesellschaft Berlin am 16.3.1999, St. Nehrkorn

Johann Wolfgang von Goethe

Faust I. Teil. Mephistopheles in: Prolog im Himmel

»Der kleine Gott der Welt bleibt stets von gleichem Schlag
Und ist so wunderlich als wie am ersten Tag.
Ein wenig besser würd´ er leben,
Hättst du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben;
Er nennt ´s Vernunft und braucht´s allein,
Nur tierischer als jedes Tier zu sein.«

Faust I. Teil. Studierzimmerszene (Szene IV). Mephistopheles in Fausts langem Kleide.

»Verachte nur Vernunft und Wissenschaft,
Des Menschen allerhöchste Kraft, …«

Görtemaker, M. und Saffering, Ch.

Die Akte Rosenburg. C. H. Beck Verlag München 2016

Der Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess 1945/1946 »versprach, wie der amerikanische Hauptankläger Robert H. Jackson es ausdrückte, den Primat der Vernunft über die Macht. Dieses »Versprechen von Nürnberg« endlich vollständig einzulösen, bleibt die vordringliche Aufgabe der internationalen Strafjustiz.« (S. 39)

International Military Tribunal (Hrsg.). Trial of the Major War Criminals bevore the International Military Tribunal. Nuremberg 14 November 1945 – 1 October 1946, Vol. II, Nuremberg 1947 (Protokolle des IMT, Bd. 2) S. 99

Adolf Hitler

Mein Kampf Band II S. 300
Kritische Edition S. 1623

»Im übrigen mag dann die Vernunft unsere Leiterin sein, der Wille unsere Kraft. Die heilige Pflicht, so zu handeln, gebe uns Beharrlichkeit, und höchster Schirmherr bleibe unser Glaube«.

Anmerkung Hrsg.: Kann nicht als Vernunft gewertet werden, bestenfalls als unbegründete barbarische Rationalität.

Immanuel Kant

Ausgabe der Preußischen Akademie der Wissenschaften, IV. Berlin 1900 ff. Grundlegung zur Metaphysik der Sitten.

»Der schlechterdings gute Wille, dessen Prinzip ein Kategorischer Imperativ sein muß, wird also in Ansehung aller Objekte unbestimmt, bloß die Form des Wollens überhaupt enthalten und zwar als Autonomie, d. i. die Tauglichkeit der Maxime eines jeden guten Willens, sich selbst zum allgemeinen Gesetze zu machen, ist selbst das alleinige Gesetz, das sich der Wille eines jeden vernünftigen Wesens selbst auferlegt.« (S. 444)
»Demnach muß ein jedes vernünftige Wesen so handeln, als ob es durch seine Maximen jederzeit ein gesetzgebendes Glied im allgemeinen Reiche der Zwecke wäre. Das formale Prinzip dieser Maximen ist: handle so, als ob deine Maxime zugleich zum allgemeinen Gesetze (aller vernünftigen Wesen) dienen sollte.« (S.438)

»Alle Imperative werden durch ein Sollen ausgedrückt und zeigen durch das Verhältnis eines objektiven Gesetzes der Vernunft zu einem Willen an, der seiner subjektiven Beschaffenheit dadurch nicht notwendig bestimmt wird (eine Nötigung).« (S. 413)

Erich Kästner

Das Märchen von der Vernunft

»Und es gibt gewiss für Fachleute keine ärgere Qual als die, lächelnden Gesichts einem vernünftigen Vorschlage zu lauschen. Denn die Vernunft, das weiß jeder, vereinfacht das Schwierige in einer Weise, die den Männern vom Fach nicht geheuer und somit ungeheuerlich erscheinen muss. Sie empfinden dergleichen zu Recht als einen unerlaubten Eingriff in ihre mühsam erworbenen und verteidigten Befugnisse. Was, fragt man sich mit ihnen, sollten die Ärmsten wirklich tun, wenn nicht sie herrschten, sondern statt ihrer die Vernunft regierte!«

Ein alter Mann geht vorüber

»Vernunft muss sich jeder selber erwerben,
die Dummheit pflanzt sich gratis fort.«

Matthias Kettner

»Bevormundung, Gefühllosigkeit, Einförmigkeit, Unterdrückung von Differenz assoziieren wir heute mit dem Ausdruck „Vernunft“ weit eher als jene Befreiung aus Unmündigkeit, jenes beharrliche Anmahnen menschenwürdiger Verhältnisse, jene zwanglose Orientierung zum Besseren, die der „Menschenvernunft“ einst von der Aufklärung zugetraut wurden. … Gleichwohl verlassen wir uns ex negativo immer noch auf einen internen Zusammenhang von Vernunft und richtigem Handeln, wenn wir „unvernünftig“ all das nennen, wovon reflektierte, kritikfähige Menschen einander grundsätzlich abraten würden.« (S. 7)

Apel, K. – O. und Kettner, M. (Hrsg.): Die eine Vernunft und die vielen Rationalitäten. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 1207. Frankfurt a. M. 1996, 2. Aufl. 2016

Martin Luther

Antwort auf die Frage Karls V. auf dem Reichstag in Worms, ob er widerrufen wolle:

» … wenn ich nicht durch Zeugnisse der Schrift und klare Vernunftgründe überzeugt werde; denn weder dem Papst noch den Konzilen allein glaube ich, da es feststeht, dass sie öfter geirrt und sich selbst widersprochen haben, so bin ich durch die Stellen der heiligen Schrift, die ich angeführt habe, überwunden in meinem Gewissen und gefangen in dem Worte Gottes. Daher kann und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist.«
Dt. Reichstagsakten, Jüngere Reihe, Bd. II, n. 80, S. 581 – 582

Nach Achhammer, M., C. H. Beck 27. 1. 2016, hat Luther auf dem Reichstag in Worms am 18.4.1521 die folgenden Worte gebraucht:

»Ich kann und will nicht widerrufen, weil weder sicher noch geraten ist, etwas wider das Gewissen zu tun. Es sei denn, dass ich mit Zeugnissen der Heiligen Schrift oder mit öffentlichen, klaren und hellen Gründen und Ursachen widerlegt werde, denn ich glaube weder dem Papst noch den Konzilen allein, weil es offensichtlich ist, dass sie oft geirrt und sich selbst widersprochen haben.«

Martin Luther

Tischreden
Ob auch das Licht der Vernunft zu Theologie diene?

»Hier unterscheide ich so: Die Vernunft, die vom Teufel besessen ist, tut großen Schaden in Gottes Sachen, und je größer und geschickter sie ist, desto größeren Schaden tut sie. … Wenn sie aber vom Heiligen Geist erleuchtet wird, so hilft die Vernunft die Heilige Schrift beurteilen. … Wenn aber die Vernunft erleuchtet ist, so nimmt sie alle Gedanken aus Gottes Wort, nach demselben richtet und lenkt sie auch«. (S. 38)

An anderer Stelle (S. 39) nennt Luther » … die Vernunft, des Teufels Hure …«.

An wieder anderer Stelle (S. 40) sagt er: »Die menschliche Vernunft lehrt nur die Hände und die Füße, Gott aber das Herz.

Vieles spricht dafür, dass Luther den Begriff »Vernunft« im Sinne von Rationalität verwendet.

Die Werke Martin Luthers in neuer Auswahl für die Gegenwart. Hrsg. Kurt Aland. Bd. 9: Tischreden. 3. Aufl., Stuttgart 1960.

Anne-Sophie Mutter

»Was uns immer in der Menschheitsgeschichte gerettet hat, das waren die wenigen Menschen wie auch Gandhi, die an das Miteinander appelliert haben. Das hat nichts mit Blauäugigkeit zu tun, sondern ist das einzig Vernünftige.«

Interview LVZ Nr. 137, S. 9 vom 14. 6. 2016, J. Kleindienst
A. – S. Mutter nimmt Bezug auf das Buch von Simone de Beauvoire: »Alle Menschen sind sterblich«.

Gerhard Roth

Persönlichkeit, Entscheidung und Verhalten. Warum es so schwierig ist, sich und andere zu ändern. Klett – Kotta, 9. Aufl., 2005. Professor für Verhaltensphysiologie und Entwicklungsneurobiologie

»Unter Vernunft versteht man hingegen meist die Fähigkeit zum Erfassen übergeordneter Zusammenhänge, Gesetzmäßigkeiten und Prinzipien. Vernünftig handle ich, wenn ich gewohnt bin, die mittel- und langfristigen Konsequenzen meines Handelns abzuwägen. Dabei kommt es nicht nur auf meinen privaten Vorteil an, sondern auch auf die soziale Akzeptanz meines Handelns, d. h. auf das Einhalten von Normen. Wir Menschen können biologisch und psychisch allein nicht überleben, und deshalb ist das, was unsere Mitmenschen denken, fühlen und tun, von größter Bedeutung für unsere eigene Existenz. Aus diesem Grunde ist die Frage »Was werden die anderen dazu sagen?« so wichtig.
Vernünftiges Handeln berücksichtigt diese soziale Dimension und verzichtet manchmal auf den schnellen Gewinn, auf den unmittelbaren Vorteil, schlägt Umwege ein und schließt Kompromisse, ohne das große Ziel aus den Augen zu verlieren. Vernunft ist mit Klugheit gepaart und führt zusammen mit Lebenserfahrung zu Weisheit.«
(S. 178)

»Die Vernunft hat überwiegend im orbitofrontalen und angrenzenden Teilen des ventromedialen präfrontalen Cortex ihren Sitz. Dieser Cortex überprüft … zusammen mit andern Hirnteilen die längerfristigen Folgen unseres Handelns und lenkt entsprechend dessen Einpassung in soziale Regeln und Erwartungen. Eine wesentliche Funktion besteht im Aufstellen von Handlungszielen aufgrund früherer Erfahrung (vgl. Roberts, 2006). Eine andere wesentliche Funktion besteht in der Kontrolle impulsiven, individuell-egoistischen Verhaltens, das von subcorticalen limbischen Zentren vermittelt wird.« …
Der Autor erwähnt, »dass der dorsolaterale präfrontale und der orbitofrontale Cortex zu unterschiedlichen Zeiten der Hirnentwicklung ausreifen. … der dorsolaterale präfrontale Cortex beginnt um das sechste Lebensjahr herum gut zu arbeiten (dies bedingt u. a. die Schulreife), und in diesem Alter können Kinder schon »ganz schön schlau« sein. Der orbitofrontale Cortex reift wesentlich später aus, d. h. nach dem zehnten Lebensjahr, während der Pubertät und bis zum zwanzigsten Lebensjahr, eben wenn junge Menschen (hoffentlich) zu einiger Vernunft kommen. Die individuelle Intelligenz entwickelt sich also früher als die soziale Intelligenz, und das schafft im Jugendalter häufig große Probleme (Jugendstreiche).«
(S. 180 / 181)

» … oft werden komplexe Entscheidungen ohne großes Zutun der bewussten Ratio getroffen. Dies kann man besonders eindrucksvoll in all den Fällen erkennen, in denen Tiere komplexe Entscheidungssituationen meistern. … kein Tier verfügt über höhere mathematische Methoden und leistungsfähige Computer. Dennoch zeigen viele Tiere im Bereich der Nahrungssuche, des Sozialverhaltens und der Revierverteidigung, des Schutzes vor Feinden, im Fortpflanzungsverhalten, bei der Brutfürsorge und der Kommunikation ein Verhalten, das Verhaltensökologen »quasi – rational« nennen. … Dies gilt insbesondere für solche Verhaltensstrategien, die nur langfristig optimal sind und kurzfristige Nachteile in Kauf nehmen. Langfristig optimale Verhaltensweisen sind immer Kompromisse aus bestimmten vorteilhaften Verhaltensweisen und vorliegenden Beschränkungen und Zwängen und sind deshalb auch den mit Verstand und Vernunft begabten Menschen meist nur schwer vermittelbar.« (S. 163)

Friedrich von Schiller

Metaphern

»Was der Ameise Vernunft mühsam zu Haufe schleppt, jagt in einem Hui der Wind des Zufalls zusammen.«

Gedichte
Die Künstler

»Wie schön, o Mensch, mit deinem Palmenzweige
Stehst du an des Jahrhunderts Neige,
In edler stolzer Männlichkeit,
Mit aufgeschlossnem Sinn, mit Geistesfülle,
Voll milden Ernsts, in tatenreicher Stille,
Der reifste Sohn der Zeit,
Frei durch Vernunft, stark durch Gesetze,
Durch Sanftmut groß, und rein durch Schätze,
Die lange Zeit dein Busen dir verschwieg,
Herr der Natur, die deine Fesseln liebet,
Die deine Kraft in tausend Kämpfen übet
Und prangend unter dir aus der Verwildrung stieg!«

Helmut Schmidt

Sechs Reden. C. H. Beck oHG. München 2010

»In einer rechtsstaatlich – demokratischen Ordnung spielen die Politiker und ihre Vernunft die verfassungspolitisch entscheidende Rolle, nicht aber ihr spezifisches religiöses Bekenntnis oder dessen Schriftgelehrte. …« (S. 40)

»Kürzlich haben wir miterlebt, wie der Heilige Stuhl nach Jahrhunderten endlich das machtpolitische Verdikt gegen Galileis Vernunft aufhob. … Offenbar ist der perennierende Konflikt zwischen Religion und Politik und Vernunft ein bleibender Teil der conditio humana.« (S. 41)

»Ich habe auch allerdings verstanden, dass vor zweieinhalbtausend Jahren einige der grundlegenden Lehrer der Menschheit, Sokrates und Aristoteles oder Konfuzius und Mencius, keiner Religion bedurften, auch wenn sie ihr aus Gründen der Opportunität, mehr am Rande ihrer Arbeit, Lippendienst geleistet haben. Nach allem, was wir von ihnen wissen, hat Sokrates seine Philosophie und hat Konfuzius seine Ethik allein auf die Anstrengung der Vernunft gegründet; ihre Lehre hatte keine Religion zur Grundlage. Gleichwohl sind beide bis auf den heutigen Tag zu Leuchttürmen für Abermillionen Menschen geworden.« (S. 48)

»In vielen Fällen finden Politiker Entscheidungshilfen weder im Grundgesetz noch in ihrer Religion, noch in einer Philosophie oder Theorie; sondern sie sind allein angewiesen auf ihre Vernunft und Urteilskraft.« (S.53)

Zur Verantwortung des Politikers für die Folgen seines Handelns:

»Tatsächlich, so denke ich, müssen nicht nur ganz allgemein die Folgen, sondern ausdrücklich auch die ungewollten oder die in Kauf genommenen Nebenwirkungen gerechtfertigt sein: die Ziele seines Handelns müssen moralisch gerechtfertigt sein. Bei einer unvermeidlich notwendigen Spontan – Entscheidung muss dafür das „Augenmaß“ ausreichen. Wenn dagegen Zeit zur Abwägung verfügbar ist, dann sind sorgfältige Analyse und Durchdenken geboten. Diese Maxime gilt nicht allein für eine Entscheidung im dramatischen Extremfall, sondern ebenso für die normale alltägliche Gesetzgebung etwa im Felde der Steuer – oder Arbeitsmarktpolitik; sie gilt ebenso für die Entscheidung über ein neues Kraftwerk oder eine neue Autobahn. Mit anderen Worten: Ohne die vorangehende Anstrengung seiner Vernunft kann der Politiker sein Handeln und dessen Folgen nicht im Gewissen verantworten.« (S. 53)

Georg Schramm

Über den Zorn, die Vernunft und das Böse
Zitiert Papst Gregor den Großen.

»Die Vernunft kann sich mit größerer Wucht dem Bösen entgegenstellen, wenn der Zorn ihr dienstbar zur Hand geht.«

William Shakespeare

Hamlet Prinz von Dänemark. 4. Aufzug, 4. Szene

»Gewiß, der uns mit solcher Denkkraft schuf
Vorauszuschaun und rückwärts, gab uns nicht
Die Fähigkeit und göttliche Vernunft,
Um ungebraucht in uns zu schimmeln.« …

Tierschutzgesetz
der Bundesrepublik Deutschland

§ 1 Satz 2 » … Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.«

Lorz, A. und Metzger, E.: Kommentar zum Tierschutzgesetz. 6. Aufl., Verlag C. H. Beck München.
»Vernünftig ist ein Grund, wenn er als triftig, einsichtig und von einem schutzwürdigem Interesse getragen anzuerkennen ist und wenn er unter den konkreten Umständen schwerer wiegt als das Interesse des Tieres an seiner Unversehrtheit und an seinem Wohlbefinden. … Ausgangspunkt ist der ganz persönliche Beweggrund des Handelnden. Nur er kann den Engriff in die Integrität des Tieres tragen, nicht ein objektives Interesse, von dem der Handelnde nichts weiß. … Vernünftig sind diejenigen Rechtfertigungsgründe der Gesamtrechtsordnung, die sonst verbotenes Verhalten zulässig machen.« (S. 87)

Drew Westen

zitiert nach Gabor Steingart

»Wenn die Emotionen brüllen, geht die Vernunft in die Knie.«

Steingart, G.: Weltbeben. Knaus Verlag, München 2016, 3. Aufl., S. 175