Vernunftbekenntnis

Autor: Prof. Dr. Arnulf Burckhardt

Lange suchte ich

nach Weg und Unterkunft.

Beides fand ich jetzt,

und beides heißt Vernunft.

Ich sah: Vernunft schöpft höchste Kraft

aus dem Born der Wissenschaft,

und ihr Knie, das beugt sie nur

vor den Gesetzen der Natur.

1. Zuerst muss aufgeschrieben werden, was Vernunft ist

Vernunft ist nach herrschender Meinung das oberste Erkenntnisvermögen, das den Verstand kontrolliert.

Verstand ist die Fähigkeit zum logischen Denken und Problemlösen. Verstand wird auch mit Intelligenz gleichgesetzt.

Das reicht aber nicht aus, um vernünftig zu denken und zu handeln. Es gab und gibt viele Verbrecher, die sehr viel wussten, logisch denken und Probleme lösen konnten. Zur Vernunft muss also mehr gehören als Erkenntnisvermögen und Verstand.

Deshalb ergänzen wir:

Handeln (Tun oder Unterlassen) ist dann vernünftig, wenn es menschenwürdig ist, dem Gemeinwohl dient und deshalb von verständigen Menschen empfohlen werden kann.

Jetzt ist alles beisammen, was zur Vernunft gehört:

Vernunft ist das oberste Erkenntnisvermögen, das den Verstand kontrolliert. Verstand ist die Fähigkeit zum logischen Denken und Problemlösen. Handeln (Tun oder Unterlassen) ist dann vernünftig, wenn es menschenwürdig ist, dem Gemeinwohl dient und deshalb von verständigen Menschen empfohlen werden kann.

Jeder Schüler sollte diese drei Sätze auswendig lernen und nie im Leben wieder vergessen.

2. Am Anfang des Weges zur Vernunft steht die Entscheidung

Die Menschen müssen zuerst trinken, essen, sich wärmen können, schlafen, sprechen oder sich auf andere Art verständigen, tätig werden, ihre sexuellen Bedürfnisse hinreichend befriedigen und sich vor Feinden schützen können, vielleicht noch ein Dach über dem Kopf haben. Diese Bedarfsdeckung und Schadensvermeidung ist Ausdruck des Wirkens von Naturgesetzen zur Erhaltung der Art. Die Menschen handeln dabei nach grundlegenden sozialen Regeln, die durch einen funktionstüchtigen und vernünftig handelnden Staat gesichert sein sollten. Selbst ein Ameisenstaat und ein Bienenvolk würden ohne auf Naturgesetzen fußenden Regeln, die allerdings von denen der Menschen sehr verschieden sind, nicht überleben.

Um ihren notwendigen Bedarf zu decken und Schäden / Risiken zu vermeiden, unternehmen die Menschen die nach ihren Vorstellungen notwendigen Handlungen, die vernünftig oder unvernünftig sein können. Das Fernsehen zeigt uns täglich Bilder und Berichte über das, was geschieht, wenn Menschen ihren notwendigen Bedarf nicht decken und sich nicht schützen können.

Wer handeln will, muss entscheiden. Allein der Wille ist schon eine Entscheidung, der manchmal längere und komplizierte Abläufe vorausgehen. Man denke nur an den Wunsch, ein Auto zu kaufen, oder an den Wunsch, zu heiraten. Es ist also festzustellen:

Vernünftiges wie unvernünftiges Handeln (Tun oder Unterlassen) sind Ergebnisse entsprechender Entscheidungen.

Problemlösen und Entscheidungsfindung geschehen seit Menschengedenken auf ähnliche Weise nach einem Grundmuster:

Problementstehung

Problemerkenntnis (meist Entscheidungsanlass)

Zielsetzung

Ermittlung der Prämissen (Voraussetzungen)

Analyse der Problemsituation (Diagnose in der Medizin)

  • Ausgangssituation
  • gegenwärtige Situation
  • Prognose
  • Vergleichsuntersuchung

Zusammenfassung der Erkenntnisse (Gesamtbild, Synthese)

Ausarbeitung von Varianten

  • Ermittlung der Konsequenzen
  • Bewertung der Varianten
  • Vergleich der Varianten

Entscheidung = Auswahl der optimalen Variante

Durchführung der Entscheidung

Überprüfung auf Richtigkeit

gegebenenfalls Korrektur

Diese Vorgänge vollziehen sich in großer Anzahl bereits in unserem Gehirn, teils bewusst und teils unbewusst.

Jeder Schüler sollte dieses Grundmuster auswendig lernen und nie im Leben wieder vergessen.

Das hier vereinfacht dargestellte Grundmuster wird in der Praxis je nach Art und Umfang der beabsichtigten Entscheidung vielfach variiert, Helfer werden einbezogen usw. (siehe Lektion 6: Die schwierige Wiedergeburt der Vernunft). Autonome Systeme, deren Entwicklung schnell voranschreitet, müssen in ihrer Einheit von Hard – und Software so (teilweise von sich selbst) konstruiert und betrieben werden, dass sie nicht unvernünftig entscheiden und nie das Kommando über sich selbst und die Kontrolle über den Menschen übernehmen können.

Der Beginn des Entscheidungsprozesses ist gar nicht so kompliziert, wie uns manche Leute glauben machen wollen. Wer ein Problem lösen will, macht doch folgendes:

Man muss genau hinschauen, was in der Wirklichkeit passiert. Die objektive Realität – wie man das wirkliche Geschehen auch bezeichnet – muss erkannt werden, so gut es geht. Das ist der Ausgangspunkt, denn dann sieht man alles, hört alles, fühlt und riecht alles und kann alles nachrechnen und nachprüfen, wenn man will. Jetzt weiß man, »was ist«, und welche Mängel dieser Zustand hat. »Was an diesem Ist – Zustand ändern, und wie?«, so heißt das Problem, was nun vernünftig gelöst werden soll. Bei Handelsabkommen und Bürgerkriegen kann das Jahre dauern. Jeder trifft – bewusst oder unbewusst – täglich tausende Entscheidungen.

Das Elternhaus, die Lehrer, die allgemeine Kultur und die Lebensbedingungen prägen die Personen, die Entscheidungen treffen oder treffen müssen. Es braucht die vernünftige Erziehung im Elternhaus, den Unterricht guter Lehrer und die Bemühungen der allgemeinen Kultur, damit mehr Menschen vernünftig entscheiden.

An der realen gesellschaftlichen Wirklichkeit hat sich mit dem Fällen einer Entscheidung noch nichts verändert. Durchgeführt muss sie werden!

3. Was ist vernünftig und was ist unvernünftig?

Eine Antwort macht nur Sinn, wenn sie so konkret wie möglich erfolgt. Dazu gibt es eine relativ ausführliche Hilfe, die unbedingt gelesen werden sollte. Man muss nicht mit allem einverstanden sein, aber man kann sich nicht damit auseinandersetzen, wenn man sie nicht gelesen hat. Bitte lesen Sie nun:

Vernunftregister Ausgabe 2020

Dort findet man

  • Beispiele aus dem »Globalen Schwarzen Register unvernünftiger Handlungen«
  • Beispiele aus dem »Globalen Vernunftregister«
  • Beispiele aus dem »Nationalen Schwarzen Register unvernünftiger Handlungen« und
  • Beispiele aus dem »Nationalen Vernunftregister«.

Das Register beginnt mit den unvernünftigen Handlungen und Verhältnissen, da von den dort aufgeführten Tatsachen die meiste und größte Gefahr ausgeht. Nach dem Lesen des Registers sollte sich eine Orientierung darüber einstellen, was unvernünftig und was vernünftig ist. Dass hier nicht nur eine Privatmeinung des Verfassers vorliegt, ist schon allein aus dem statistischen Material und anderen Veröffentlichungen ersichtlich, die diesem Register zu Grunde liegen.

Stephen Hawkins (Kurze Antworten auf große Fragen. Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart 2018) schätzt mit nüchterner Klarheit des Wissenschaftlers ein, dass die Welt politisch offensichtlich instabiler geworden und die Erde in vieler Hinsicht bedroht ist. Die globale Erwärmung kann sich, selbst erhaltend, verstärken, so dass Temperaturen wie auf der Venus von weit über 250 Grad entstehen. Unsere Ressourcen erschöpfen sich mit rasender Geschwindigkeit. Bei einer weiteren Wachstumsrate der Weltbevölkerung wie bisher würde die Weltbevölkerung im Jahre 2600 Schulter an Schulter stehen. Die Atomkriegsgefahr ist nicht gebannt. Andere Katastrophen sind nicht ausgeschlossen. Unser Lebensraum wird knapp. Uns bleibt keine andere Wahl, als auf andere Planeten auszuweichen. Mit unserer Zukunft auf dem Planeten Erde gehen wir nach Überzeugung Hawkins mit unverantwortlicher Gleichgültigkeit um.

Ziel des Vernunftregisters ist es, Unvernünftiges zu benennen und zu beseitigen, zumindest zurückzudrängen. Vernünftiges dagegen soll gefördert werden. Vergangenheit und Gegenwart lehren uns, dass es durchaus nicht sicher ist, wer die Oberhand gewinnt: die Vernünftigen oder die Unvernünftigen. Weshalb es die Vernünftigen nicht besser gemacht und nicht mehr erreicht haben? Ganz einfach: Die Unvernünftigen haben das verhindert. Die Vernünftigen waren zu schwach. Die Menschheit hat sich nicht vernünftig genug organisiert. Die Vernünftigen sollten auch lernfähig sein. Es lebt noch eine Weisheit, die seit Jahrtausenden im Volk verwurzelt ist, die einer exakten wissenschaftlichen Überprüfung wahrscheinlich nicht standhalten würde und die in der heutigen Zeit ins Wanken geraten ist.

Folgendes Beispiel: Generationen von Eltern machen ihren Kindern und Enkeln, wenn diese sich falsch verhielten und ihre Fehler nicht einsehen wollten, mit Nachdruck begreiflich: »Kind, sei doch endlich vernünftig!« Das war die letzte Warnung vor schärferen Konsequenzen, und die Kinder und Enkel wussten das. Meist half es auch.

4. Vernünftige Entscheidungen müssen durchgeführt werden, um etwas zu verändern

Was soll durch die Entscheidungen verändert werden?

Die real existierende kapitalistische Gesellschaft soll verändert werden.

Wie soll sie verändert werden?

Durch das Handeln der Vernünftigen. Nicht durch Wunschdenken, das die Realität nicht zur Kenntnis nimmt, und nicht durch Beten und Opfergaben.

Größere Veränderungen geschehen in der Regel durch Massenbewegungen und Bündnisse, deren Ergebnisse dann vernünftig sein können, wenn die Vernünftigen dort maßgeblichen Einfluss haben. An Zielen mangelt es nicht – siehe in das Vernunftregister. Die Vernunft muss die Ergebnisse der technischen und technologischen Entwicklung, die soziale Struktur und die Kultur der Gesellschaft durchdringen.

Vernunft wird täglich von Milliarden vernünftiger einzelner Entscheidungen und Einzelhandlungen gespeist. Welche Macht könnten so viele vernünftige Entscheidungen entfalten!

Lesen Sie dazu das Kapitel: »Besser kein Kinderwunsch«.

Auch die Unvernünftigen treffen täglich Milliarden einzelne Entscheidungen und handeln danach. Es geht also um den

Kampf für vernünftige Entscheidungen

und ihre Bündelung zu spürbaren Veränderungen. Es geht um einen Entscheidungskampf im wahren Sinne des Wortes, und um einen Machtkampf, der zur Durchführung vernünftiger Entscheidungen entbrannt ist. Wo die Vernünftigen nicht gewinnen können, sind Kompromisse sinnvoll, sofern unter dem Strich etwas Vernünftiges herauskommt. Außerdem gibt es nicht nur lupenreine Vernünftige und hundertprozentig Unvernünftige auf der Welt, und Vernünftige können schnell mal zu Unvernünftigen werden und umgekehrt, so dass Kompromisse im vorgenannten Sinn auf der Hand liegen.

5. Wer trägt Verantwortung für unvernünftiges Handeln?

Für unvernünftiges Handeln, dessen negative Folgen offen zutage treten, wird selten jemand freiwillig Verantwortung übernehmen. Die Unvernunft ist dann ein Waisenknabe.

Die Verantwortung lässt sich jedoch in den meisten Fällen ausreichend konkret, wie man sagt: mit Namen und Hausnummer, feststellen bzw. ermitteln. Unternehmen, Parteien, Staaten und andere Organisationen handeln immer durch konkrete Personen. In vielen Fällen sind die Verursacher und Bestimmer unvernünftigen Tuns und Unterlassens schon allgemein bekannt, sie werden nur nicht immer öffentlich genannt. Die Unvernunft maskiert sich nicht selten mit Vernunft und kann großen Beifall ernten, bevor sie demaskiert wird.

Wer für unvernünftiges Handeln und dessen Folgen einzustehen hat, legen Recht (einschließlich Völkerrecht) und Gesetz fest. Die hier noch vorhandenen Lücken müssen gegen den Willen der Unvernünftigen geschlossen und Gerechtigkeit hergestellt werden.

6. Voraussage und Grenzen

Nach allem sage ich voraus: An der Grundstruktur und der Grundfunktion der kapitalistischen Gesellschaft wird sich in absehbarer Zeit nichts ändern. Es wird aber ständig Korrekturbemühungen geben, durch benachteiligte Gruppen, neue wissenschaftliche Erkenntnisse und andere Sachzwänge begründet.

Mit zunehmender Verknappung von Ressourcen (Grund und Boden, Trinkwasser, Rohstoffen, Nahrungsmitteln) nehmen die Verteilungskämpfe auf allen Ebenen zu.

Vernünftige Lösungen menschheitsbedrohender Zustände und Widersprüche werden erst dann nachhaltig in Angriff genommen, wenn es nicht mehr anders geht, also nicht zum optimalen Zeitpunkt.

Das Vernunftregister legt die Sachverhalte offen und zeigt nur den Weg zu Veränderungen.

Viele Menschen werden sich ihr persönliches Vernunftregister erarbeiten, und wenn es nur zwei Sätze umfasst, gleich in welcher Sprache, oder ohne es überhaupt aufzuschreiben, weil sie vielleicht nicht lesen und schreiben können. Sie werden sich auf konkrete, wesentliche, verständliche und machbare Ziele verständigen und die Informationstechnologie nutzen, um die Ziele ihres Vernunftregisters zusammen mit ihren in der Sache Verbündeten milliardenfach zu verwirklichen. Lehrer werden ihre Schüler für die Vernunft begeistern. Die Vernünftigen werden in allen Ländern auf die Straße gehen und passende Westen anziehen, wenn es Not tut. In kleinen Räumen und weltweit werden sie auftreten. Vernünftige verbindliche Regelwerke werden sie durchsetzen und damit der Unvernunft, den Unvernünftigen und ihrer wirtschaftlichen, politischen und digitalisierten Macht Grenzen setzen.

»Wir alle sind Zeitreisende, die gemeinsam auf dem Weg in die Zukunft sind. Lasst uns also gemeinsam daran arbeiten, aus dieser Zukunft einen Ort zu machen, den wir gerne besuchen. Seid tapfer, neugierig, entschlossen und überwindet alle Widrigkeiten! Wir können es schaffen.« (Stephen Hawkins, S.47).