Die deutsch-jüdische Straße der Vernunft und Wissenschaft

Autor: Prof. Dr. Arnulf Burckhardt

Es gab eine deutsch-jüdische Straße der Vernunft und Wissenschaft. Ein besseres Stück Straße hätte es kaum geben können. Ebenso war es auch eine Straße der Widersprüche. Darüber wird berichtet werden. Giganten schöpferischer Arbeit haben ihre Spuren auf der Straße hinterlassen. Zu verschiedenen Zeiten haben sie gelebt. Selbst die gleichzeitig Tätigen haben sich nicht immer gekannt oder sind einander begegnet. An eine deutsch-jüdische Straße haben sie sicher nicht gedacht, das Bild ist später mit Blick auf ihr Erbe für die Menschheit entstanden. Vernunft und Wissenschaft bildeten ihr Fundament, ungeheurer Fleiß, Reichtum an Ideen und Streben nach Erfolg garantierten die Geschwindigkeit ihrer Bewegung. Es waren bedeutende Deutsche und Juden, die getrieben wurden, dem Gemeinwohl zu dienen.

Deutschland hat diese Straße 1933 zerstört und nicht wieder begehbar gemacht. Im November 2019 hat ein Deutscher versucht, vor dem Hintergrund eines zunehmenden Antisemitismus in eine mitteldeutsche Synagoge einzudringen, um jüdische Bürger zu erschießen. Die Synagogentür war jedoch verschlossen, allein deshalb misslang sein Vorhaben. An diesem Tag hat Deutschland der Welt noch einmal die Trümmer der ehemaligen Straße der Vernunft und Wissenschaft gezeigt – und einen der heutigen Erben der Zerstörer.

Die Ereignisse drängen förmlich danach, die wichtigsten Stationen der ehemaligen deutsch-jüdischen Straße der Vernunft und Wissenschaft zügig so aufzuschreiben, dass sie für jedermann schnell auffindbar und nachlesbar waren, selbst unter Verzicht auf Vollständigkeit. Das gelingt heutzutage am einfachsten unter Zuhilfenahme von https://de.wikipedia.org, das im November 2019 als Quelle genutzt und teilweise zitiert wurde. Es hat sich bewährt.

Kaum ein besserer Beginn für ein solches Vorhaben findet sich in Goethes »Faust I. Teil« Szene 4 (Studierzimmer), in der Mephistopheles sagt:

»Verachte nur Vernunft und Wissenschaft,
Des Menschen allerhöchste Kraft,
Laß nur in Blend- und Zauberwerken
Dich von dem Lügengeist bestärken …«

Mephisto wünscht sich damit den Gelehrten Faust auf »seine Straße sacht zu führen« (Prolog), auf Mephistos Straße.

Entgegen Mephistos Vorstellungen musste es auch eine Straße geben, auf der Vernunft und Wissenschaft nicht verachtet werden, sondern die ihre Nutzer »zur allerhöchsten Kraft« befähigen würde. Betrachten wir die Ereignisse, so lässt sich ein diesbezüglicher deutsch-jüdischer Straßenabschnitt erkennen. Allerdings war auch hier der Geist Mephistos nie abwesend.

Der Ursprung dieser Straße liegt, wie teilweise manch andere noch dunkle Quellen des Altertums, im Religiösen. Die Leitfigur der drei großen monotheistischen Religionen, die ihren Ursprung im nahöstlichen Raum hatten, war der mesopotamische Nomade Abraham. Von ihm stammen nach den Glaubensüberlieferungen Isaak und Jakob als Stammväter Israels und Jesu Christi ab sowie Ismael als Stammvater der Araber (Muslime).

Nach dem Glauben hat Gott den Menschen geschaffen als ein Bild, das ihm gleich sei, einen Menschen, der für sein eigenes Tun und Unterlassen verantwortlich sein soll. Ob nun, wie manche glauben, der Mensch von der Schöpfung mit Vernunft ausgestattet wurde, damit er davon Gebrauch mache, oder ob er im Laufe seiner stammesgeschichtlichen Entwicklung die Fähigkeit vernünftigen Denkens und Handelns erworben hat, – jedenfalls besitzt er unstrittig Vernunft.

Der Königsberger Philosoph der Aufklärung Immanuel Kant (1747 – 1804) beantwortete die selbstgestellte Frage, was er tun solle, folgendermaßen: »Nicht die Religion, gesunder Menschenverstand oder die empirische Praxis können diese Frage beantworten, sondern nur die praktische Vernunft.« Er bezeichnete den Willen als »ein Vermögen, nur dasjenige zu wählen, was die Vernunft unabhängig von der Neigung als praktisch notwendig, d. i. als gut erkennt«. (Kant, I.: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, 1785, AA IV, 412) Kant formulierte den legendären kategorischen Imperativ, dessen Allgemeine-Gesetz-Formel lautet: »… handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde« (Kant, I.: Ebenda, S. 421), und »Sapere aude (wage es verständig zu sein). Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung«. (Kant, I.: Was ist Aufklärung. Berlinische Monatsschrift, 1784,2, S. 481 ff.)

Der Wegbereiter der »jüdischen Aufklärung«, der Philosoph Moses Mendelssohn (1729 – 1786) bezeichnete das Judentum als Vernunftreligion. Der mit ihm befreundete Dichter der deutschen Aufklärung, Gotthold Ephraim Lessing (1729 – 1771), schrieb das aus dieser Freundschaft entstandene Werk »Nathan der Weise«.

Der deutsche Philosoph Hermann Cohen (1842 – 1918) gilt als Kantforscher und verfasste die Schrift »Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums«.

Sie alle strebten nach einer Gesellschaft der Toleranz, Freiheit und Menschlichkeit, nach einer Straße der Vernunft. Selbst wenn heute im Zeitalter der Molekularbiologie, der Genetik, Informationsforschung und der Astrophysik die Frage nach den Quellen der Vernunft anders beantwortet werden müsste, haben die Lehren der Aufklärung nachhaltige Wirkung auf die Gesellschaft gehabt.

Eine ganz andere auf materialistischer Grundlage vorgenommene Gesellschaftsanalyse und programmatische Vorstellung verfolgten Karl Marx (1818 – 1883) und Friedrich Engels (1820 – 1895). Marx beschäftigte sich in seinem Hauptwerk »Das Kapital« mit der Kritik der politischen Ökonomie des Kapitalismus und entwickelte zusammen mit Engels die Theorie des Kommunismus. Marx entstammte väterlicher- und mütterlicherseits bedeutenden Rabbinerfamilien. Engels, ein erfolgreicher Textilunternehmer, entwickelte gemeinsam mit Marx die Gesellschafts- und Wirtschaftstheorie des Marxismus. Auf der Grundlage seiner Beschäftigung mit den Naturwissenschaften erarbeitete er Grundgesetze der Dialektik.

Der Naturforscher Alexander von Humboldt (1769 – 1859) trug mit seinen naturwissenschaftlichen Forschungen und geographischen Erkundungen wesentlich zur Erweiterung des Weltbildes der damaligen Zeit bei. Sein Bruder Wilhelm von Humboldt (1767 – 1835) strebte die ganzheitliche Ausbildung in den Künsten und Wissenschaften in Verbindung mit der jeweiligen Studienfachrichtung an (Humboldtsches Bildungsideal). Das Individuum sollte Selbstbestimmung und Mündigkeit durch seinen Vernunftgebrauch erlangen und Weltbürger werden, d. h. sich mit den großen Menschheitsfragen auseinandersetzen. Lehre und Forschung sollten an einer Universität verbunden sein.

Im 19. Jahrhundert folgte in Deutschland eine Periode großer naturwissenschaftlicher Entdeckungen und Erfindungen vor allem auf den Gebieten der Physik, Medizin und Chemie.

Albert Einstein (1879 – 1955), einer der bedeutendsten theoretischen Physiker der Wissenschaftsgeschichte, entwickelte die Relativitätstheorie (1905, 1915) und erhielt 1921 den Nobelpreis. Er entstammte einer deutsch-jüdischen Mittelstandsfamilie und wurde 1934 vom Deutschen Reich strafausgebürgert. 1933 ließ ein führender Nazi vernehmen: »Jüdischer Intellektualismus ist tot«.

Max Planck (1858 – 1947) gilt als Begründer der Quantenphysik und erhielt 1919 den Nobelpreis für Physik des Jahres 1918. Planck, Sommerfeld und Heisenberg wurden von der Nazipropaganda als »weiße Juden« bezeichnet. Die Nazi-Rassenkunde berechnete, dass er »zu einem sechzehntel jüdisch« sei.

Werner Karl Heisenberg (1901 – 1976) erhielt für seine Leistungen auf dem Gebiet der Quantenmechanik den Nobelpreis für Physik 1932. Die Nazipropaganda bezeichnete ihn als »weißer Jude der Wissenschaft«.

Der deutsche Mathematiker und Physiker Max Born (1882 – 1970) erhielt für seine grundlegenden Beiträge zur Quantenmechanik 1954 den Nobelpreis für Physik. Mit Albert Einstein verband ihn eine langjährige Freundschaft. Nach Machtantritt der Nazis wurde er 1933 wegen seiner jüdischen Vorfahren und seiner pazifistischen Einstellung zwangsbeurlaubt und ihm 1936 die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen. Er emigrierte nach England. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland gehörte er zu den Unterzeichnern des Göttinger Manifestes gegen die geplante atomare Aufrüstung der Bundesrepublik.

Der deutsche Chemiker und Pionier der Radiochemie Otto Hahn (1879 – 1968) erhielt für die Entdeckung und den radiochemischen Nachweis der Kernspaltung des Urans (Ende 1938) und des Thoriums (1939) den Nobelpreis für Chemie des Jahres 1944, der ihm 1945 verliehen wurde. Er weigerte sich 1933, das »Bekenntnis der deutschen Professoren zu Adolf Hitler« zu unterzeichnen, und trat Anfang 1934 aus Protest gegen die Entlassung jüdischer Kollegen, darunter Lise Meitner, James Franck und Fritz Haber, aus dem Lehrkörper der Berliner Universität aus.

Die österreichische Kernphysikerin Lise Meitner (1878 – 1968) veröffentlichte im Februar 1939 zusammen mit Otto Frisch die erste physikalisch-theoretische Erklärung der Kernspaltung. Auf Grund ihrer jüdischen Abstammung wurde ihr die Lehrbefugnis als erste Professorin für Physik in Deutschland entzogen.

Der Botaniker und Mikrobiologe Ferdinand Julius Cohn (1828 – 1918) gilt neben Robert Koch als einer der Begründer der modernen Bakteriologie. Er war Mitglied der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte. Wegen seiner jüdischen Herkunft durfte er in Breslau nicht promoviert werden, so dass er 1846 nach Berlin übersiedelte und dort 1847 promovierte.

Robert Koch (1843 – 1910) gilt zusammen mit Pasteur und Cohn als Begründer der modernen Bakteriologie und Mikrobiologie. Er erhielt 1905 den Nobelpreis für Physiologie und Medizin.

Der deutsche Mediziner und Forscher auf den Gebieten der modernen Chemotherapie und Immunbiologie Paul Ehrlich (1854 – 1915) war das Kind jüdischer Eltern. Er entwickelte ein Heilserum gegen die damals besonders unter Kindern weit verbreiteten Infektionskrankheit Diphtherie und erhielt den Beinamen »Retter der Kinder«. Zusammen mit Metschnikow wurde ihm der Nobelpreis für Physiologie und Medizin verliehen. Die Erhebung in den Adelsstand schlug er aus, da er seine jüdische Religion nicht ablegen wollte, was Voraussetzung für die Ehrung gewesen wäre.

Julius Friedrich Cohnheim (1839 – 1884) erforschte die zellulären Mechanismen der Entzündungspathologie. Er arbeitete als Professor in Kiel, Breslau und Leipzig, war Schüler von Virchow und Doktorvater von Paul Ehrlich. Er trat vom jüdischen Glauben zum Protestantismus über.

Henri James Simon (1851 – 1932) war ein erfolgreicher jüdischer Unternehmer der Textilbranche in Berlin. Sein Wirken als bedeutender Kunstmäzen bereichert die Kunstsammlungen noch heute. James Simon gründete zahlreiche Hilfs- und Wohltätigkeitsvereine und war Mitbegründer des »Vereins zur Abwehr des Antisemitismus«. Kaiser Wilhelm II. konsultierte ihn in ökonomischen Sachfragen und bei Entscheidungen zu jüdischen Problemen.

Der deutsch-mährische Unternehmer Oskar Schindler (1908 - 1974) bewahrte mit seiner Frau etwa 1200 bei ihm angestellte jüdische Zwangsarbeiter vor der Ermordung in den Nazi-Vernichtungslagern. Mit dem Film »Schindlers Liste« (1993) von Steven Spielberg nach dem Roman von Thomas Keneally wurde ihrem Handeln ein Denkmal gesetzt.

Nicht nur bekannte und berühmte Persönlichkeiten betraten in den vergangenen Jahrhunderten die deutsch-jüdische Straße der Vernunft und Wissenschaft, tausende und abertausende beschritten sie, Menschen aller Berufsgruppen, Männer, Frauen und Kinder kamen und gingen. Dann wurden es immer weniger jüdische Bürger auf dieser Straße, und immer mehr deutsche Bürger traten im Gleichschritt auf das Pflaster.

In einem Zeitraum von lediglich 12 Jahren (1933 – 1945) hat sich gezeigt, was mit einzelnen Menschen, mit Menschengruppen und was mit einer ganzen Nation geschieht, wenn sie Vernunft und Wissenschaft verachten: sie sind gescheitert, sie haben ihr Ansehen in der Welt verloren und sie haben Teile ihres Landes verloren. Viele haben nicht einmal das begriffen, geschweige denn ihre Verantwortung dafür, dass sich Holocaust und Kriegsverbrechen nicht wiederholen dürfen.

Aus einer Straße der Vernunft und Wissenschaft ist inzwischen eine internationale Hochgeschwindigkeitstrasse der Wissenschaft geworden, an der viele Nationen und Unternehmen bauen, und auf der Vernunft aufblitzt oder ab und zu sichtbar wird. Die Stationen heißen heute CERN (Centre europeen pour la recherche nuclèaire), ITER (International Thermonuclear Experimental Reactor) und Tokamak, CRISPR/CAS (Clustered Regularly Interspaced Short Palindsomic Repeats) oder Microsoft, Apple, Huawei, Samsung und Google. Ohne das Lebenswerk der deutschen und jüdischen Straßenbauer wäre die heutige Trasse nicht so schnell entstanden.

An der internationalen Trasse stehen in Deutschland noch einzelne Häuser, die von der Polizei geschützt werden müssen – die Synagogen.