Der Sieg der Vernünftigen

Autor: Prof. Dr. Arnulf Burckhardt

Der Kampf der Vernünftigen ist eine Art Revolution mit Aussicht auf Erfolg, denn alle gegenwärtig existierenden globalen und nationalen Probleme lassen sich mit Vernunft lösen.

Die Ausführungen zur Vernunft werden in vier Aufsätzen abgehandelt:

1. »Lektionen der Vernunft« vermittelt die Grundlagen für das Zustandekommen vernünftigen Denkens und Handelns.
2. »Praktische Vernunft« nennt reale Beispiele für unvernünftiges und für vernünftiges Tun und Unterlassen und lenkt die Aufmerksamkeit auf zu Bekämpfendes und zu Förderndes.
3. Der »Sieg der Vernünftigen« weist den Weg zur Vorherrschaft der Vernunft, das »wie« zur Änderung der Zustände.
4. Die »Worte über Vernunft« zeigen eine Schrifttumsauswahl zum Thema.

Zusammenfassend ist von folgenden grundlegenden Erkenntnissen ausgegangen worden:

Vernunft ist oberstes Erkenntnisvermögen, das den Verstand (Fähigkeit zum logischen Denken und Problemlösen) kontrolliert.

Entscheidung ist Auswahl der optimalen Variante als Ergebnis eines Entscheidungsprozesses. Die wichtigsten Schritte dabei sind Problemerkenntnis, Zielsetzung, Analyse (Diagnose) und Prognose, Ausarbeitung von Varianten und deren Konsequenzen, Bewertung und Vergleich der Varianten, Entscheidung = Auswahl der optimalen Variante, Durchführung und Kontrolle.

Vernünftige Entscheidungen entsprechen dem Gemeinwohl. Sie haben zum Ziel die Schaffung und Erhaltung von Lebensverhältnissen, die der Würde und der Verantwortung des Menschen entsprechen.

Was für den Erfolg der Vernünftigen spricht

Der Endkampf um die Ressourcen auf unserer Erde hat bereits begonnen. Die verschiedenen Widersprüche spitzen sich zu und drängen zu einer Lösung. Sie werden ein solches Ausmaß erlangen, dass sich die Vorschläge der Vernünftigen angesichts dieses Druckes durchsetzen.

Vernünftig entscheiden kann jedermann, gleich welche soziale Stellung er hat und wie groß sein Vermögen und sein Einkommen sind.

Vernünftiges Handeln ist nicht an eine politische Partei oder Ideologie oder Gesellschaftsordnung gebunden. Jeder Bürger und jede Organisation können vernünftige Entscheidungen treffen.
Vernunft und Religion helfen einander. Die höchsten religiösen Führer sagen, dass der Allmächtige den Menschen die Fähigkeit vernünftigen Denkens und Handelns verliehen hat, damit sie davon Gebrauch machen.
Das Leben lehrt, dass es oft nicht nur ein »entweder Vernunft oder Unvernunft« gibt, sondern dass die Vernünftigen, wenn notwendig, auch Kompromisse eingehen müssen, damit sie auf dem Wege der Vernunft voran kommen, auch ohne den erstrebenswerten Zustand sofort und vollständig zu erreichen.
Die Fähigkeit, vernünftige Entscheidungen zu treffen, hat eine lange Geschichte. Sie ist stammesgeschichtlich begründet. Ohne sie hätte sich die Gattung Mensch nicht entwickeln können. Sie mag verkümmert sein oder zeitweise zurückgedrängt werden, vollkommen verloren gehen kann sie wohl nicht.
Die Vernunft vermag alle Lebensbereiche zu durchdringen. Die Vernunft braucht Phantasie und bedient sich des Zorns. Sie verbindet sich mit Musik, Gesang und Malerei.

Es geht nicht um die Maßregelung von individuellen Kleinigkeiten. Die Vernünftigen sind keine Bevormunder und Besserwisser, sondern Lehrende und Lernende. Ihnen ist aber auch bekannt, dass massenhaft auftretende individuelle unvernünftige Handlungen global ins Gewicht fallen können.

Nicht jeder, der von Vernunft redet, meint Vernunft oder handelt vernünftig

Vernunft wird vom lateinischen »ratio« abgeleitet und auch als Rechtfertigungsgrund, logischer Grund, Berechnung, als an Zwecken ausgerichtetes Denken und Handeln bezeichnet. Rationalität bedeutet Denkvermögen. Je nach dem Ziel, das erreicht werden soll, können die Begriffe »ratio« oder »Rationalität« unterschiedliche Bedeutung haben. Jeder, der von Vernunft spricht oder darüber schreibt, muss deshalb für Dritte sichtbar und bei Zweifel in unhintergehbarer Form erklären, welche Ziele er mit seinem als vernünftig bezeichneten Denken und Handeln verfolgt. Macht er das nicht, läuft er in Gefahr, missverstanden zu werden. Eine Handlung ist nur dann »vernünftig« und soll nur dann mit »Vernunft« bezeichnet werden, wenn sie dem Gemeinwohl dient. Es kann verschiedene »rationelle« Handlungen und verschiedene »Rationalitäten« geben, aber nur eine, die wir als Vernunft bezeichnen.

Der sprachgewaltige und -kundige Martin Luther, der dem Volke auf’s Maul schaute, legte Wert auf den Bedeutungsinhalt der Vernunft. Er unterschied einerseits die vom Heiligen Geist erleuchtete Vernunft, die alle Gedanken aus Gottes Wort aufnimmt, nach demselben richtet und lenkt sie die auch. So hilft die Vernunft die Heilige Schrift beurteilen. Andererseits tut die Vernunft, die vom Teufel besessen ist (und die Luther an anderer Stelle als »des Teufels Hure« bezeichnete), großen Schaden in Gottes Sachen, und je größer und geschickter sie ist, desto größeren Schaden tut sie. (Martin Luther: Tischreden. Werke Bd. 9, 3. Aufl., Stuttgart, Klotz 1960)
Luther scheint hier die Vernunft im Sinne von »Rationalität« verstanden zu haben. In seiner in den Reichstagsakten (Jüngere Reihe, Bd. II n. 80, S. 581 – 582) dokumentierten Antwort auf die Frage Karls V., ob er widerrufen wolle, antwortete Luther: »… wenn ich nicht durch Zeugnisse der Schrift und klare Vernunftgründe überzeugt werde; denn weder der Papst, noch den Konzilen allein glaube ich, da es feststeht, dass sie öfter geirrt und sich selbst widersprochen haben, … Daher kann und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist.« Nach Achthammer (C. H. Beck 27.1.2016, MDR/SPON/ML) soll Luther statt »Vernunft« die Worte »… mit öffentlichen, klaren und hellen Gründen und Ursachen widerlegt werde, …« gebraucht haben.

Auf das folgende Beispiel passt Luthers Wort von der »Vernunft als des Teufels Hure«. Wohl niemals ist Vernunft übler angerufen und missbraucht worden als in Hitlers Machwerk »Mein Kampf« mit den Worten: »Im übrigen mag dann die Vernunft unsere Leiterin sein, der Wille unsere Kraft. Die heilige Pflicht, so zu handeln, gebe uns Beharrlichkeit, und höchster Schirmherr bleibe unser Glaube« (Bd. II S. 300, Kommentar S.1623). Hitler verstand unter »Vernunft« rassistisches, antisemitisches und antibolschewistisches Handeln, wie jeder in diesem Werk bereits zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung hätte nachlesen können; dort stand alles offen und deutlich geschrieben. Mit Gemeinwohl und damit mit Vernunft hatte das alles nichts zu tun. Man könnte es als barbarische Rationalität bezeichnen, wenn nicht selbst der rationale Bestandteil der Begründetheit fehlen würde. Der ursprünglich gute Sinn und Klang, den das Wort »Vernunft« im Umgangsdeutsch hatte, wurde demagogisch missbraucht.

Um so mehr besteht Veranlassung, auf den Inhalt des Begriffes »Vernunft« und seine untrennbare Verbindung mit dem Gemeinwohl hinzuweisen, wie er eingangs des Internet-Blogs »Vernunftcheck.de« beschrieben worden ist.

Strategie

Als Revolution gilt allgemein »ein grundlegender und nachhaltiger struktureller Wandel eines oder mehrerer Systeme, der meist abrupt oder in relativ kurzer Zeit erfolgt. Er kann friedlich oder gewaltsam vor sich gehen. Es gibt Revolutionen in Herrschaftssystemen, der Wirtschaft, der Sozialordnung eines Staates, in der Technik und der Wissenschaft« (Lexikon der Politik, Bd. 7: Politische Begriffe. Direktmedia, Berlin 2004, S. 563).
Die Revolution der Vernünftigen ist keine Revolution im herkömmlichen Sinne. Sie ist ein dauerhafter fortwährender Prozess, der alle Phasen von der allmählichen schrittweisen Veränderung bis zum gewaltsamen radikalen Wandel der Verhältnisse in kurzer Zeit durchlaufen kann. Da es um die Zurückdrängung und Beseitigung unvernünftiger Verhältnisse geht, ist die Revolution der Vernünftigen gegen unvernünftige Herrschaftssysteme, Wirtschaftsordnungen und Sozialregeln gerichtet, in den wenigsten Fällen aber gegen diese Systeme als ganzes, häufiger gegen wesentliche Teile. Als Bestandteil der Produktivkräfte der Gesellschaft sind vernünftige Richtungen der technischen, wissenschaftlichen und kulturellen Revolution dasZiel.

Getragen wird die Revolution der Vernünftigen sowohl von einzelnen hervorragenden Persönlichkeiten wie auch vom persönlichen Einsatz einer möglichst großen Anzahl von Bürgern und ihren Organisationen.

Für den Erfolg der Vernünftigen sind drei Dinge wesentlich: die Zusammenführung Gleichgesinnter, die Einsicht der Entscheider im Sinne der Vernunft und der Druck auf die Entscheider und ihre Umgebung, sie zu einer vernünftigen Entscheidung zu überzeugen oder zu zwingen.

Druck auf die Entscheider kann sich aufbauen durch Wahlen, Volksabstimmungen, Volksentscheide, Streiks, Generalstreiks, Boykott, Massendemonstrationen, Aufstände und andere Gewaltanwendungen, aber auch durch Naturereignisse, spürbaren Mangel an lebensnotwendigen Stoffen und Gegenständen, Angst vor Bedrohungen verschiedener Art. Der Kampf der Vernünftigen bevorzugt Einsicht, muss sich aber gegebenenfalls angemessener Formen des Druckes bedienen. Die Vernünftigen werden die geeigneten angemessenen Mittel und Methoden finden.

Wenn die Vernunft die Vorherrschaft erringen will, muss es möglichst schnell vor sich gehen.

Die Macht der Einzelnen

Maier greift in seinem Buch »Die Plünderung der Welt« (Finanzbuchverlag München, 4. Aufl. 2014, S. 236) die Frage auf: Kann eine komplexe Welt so gesteuert werden, dass genügend Leute das Richtige tun? Und zitiert Weizsäcker:
» … wenn wir »n«-Menschen haben, dann genügt es, dass »Wurzel »n«-Menschen das Richtige wollen. Und es geschieht. Wenn man auf einer Fakultät sitzt: Da gibt es 64 Professoren – dann sind es Wurzel aus 64, also 8 Menschen, die in Wirklichkeit bestimmen, was geschieht. Und wenn Sie eine Nation haben von 64 Millionen Menschen, wie in der Bundesrepublik, dann sind es 8.000 Menschen, die bestimmen. Wenn Sie nun 4,9 Milliarden Menschen haben, das sind 49 mal 10 hoch 8, dann ziehen Sie die Wurzel, das sind 7 mal 10 hoch 4, das sind 70.000 Menschen. Wenn Sie die richtigen 70.000 Menschen auf der Welt überzeugen, was geschehen muss, dann wird es geschehen«. (C.F. von Weizsäcker: Die Geographie des Menschen. Wien 1993, S. 236/237)
Die Sache hat einen Haken: Es müssen die richtigen 70.000 Menschen überzeugt werden. Sind es 70.000 mit höchster staatlicher Macht ausgestattete Personen, oder sind es die Vorstandsvorsitzenden der größten Banken und anderen Unternehmen, oder sind es die Popstars der Musikszene und des Sports? Natürlich sähe die Welt besser aus, würden 70.000 Persönlichkeiten dieser ausgewählten Kategorien, dazu noch im richtigen Mischungsverhältnis, zu den Vernünftigen gehören. Natürlich muss es das Ziel sein, dass möglichst viele hervorragende Persönlichkeiten vernünftige Entscheidungen treffen, entweder aus ihrer Einsicht heraus oder unter Druck.

Die Rolle von Persönlichkeiten bei der Durchsetzung vernünftigen Handelns in der Praxis von Politik, Wirtschaft, Technik, Wissenschaft und Kultur kann nicht hoch genug eingeschätzt werden, sie sind Schöpfer vernünftiger Entscheidungen und Multiplikatoren der Vernunft. In diesem Zusammenhang wird auf die Macht der Rede hingewiesen. Über die Rolle von Persönlichkeiten wird jeder Schüler im Geschichtsunterricht belehrt und erfährt viele Beispiele.

Welche Taten der heute lebenden Persönlichkeiten müssten in die Globalen und Nationalen Goldenen Bücher der Vernunft eingeschrieben werden? Es kommt vor, dass Taten ein und derselben Persönlichkeit einmal in einem Goldenen Buch und andere Taten in Schwarzen Listen erfasst werden müssen.
Wenn die vernünftigen Persönlichkeiten namentlich und öffentlich bekannt gemacht werden, sollte man sie unterstützen: wählen, fördern, zum Vorbild nehmen.

Die Macht der Organisationen

Ziel ist die Nutzung bestehender Organisationen und ihre Entwicklung zu einem System, das der Vernunft zur Vorherrschaft in der Welt verhilft. Ansätze zur Selbstorganisation dieses Systems sind, wenn sie sich als zielführend erweisen, zu fördern.
Was ist gemeint?

1. Organisationen, die Sachinformationen und Berichte liefern

Das hat nichts mit blinder Faktengläubigkeit zu tun, denn diese Organisationen sind nun einmal die Quelle für Informationen über die politische, wirtschaftliche und soziale Lage, ohne die kaum sachkundige Entscheidungen getroffen werden können. Der vernünftige Nutzer wird versuchen, sich mit dem Wahrheitsgehalt solcher Informationen zu beschäftigen und ihn zu hinterfragen.

Beispiele:

  • Internet Wikipedia
  • World Wide Fund for Nature (WWF), Living Planet Report 2014, Kurzfassung Deutschland
  • Deutsche Stiftung Weltbevölkerung, Hannover
  • Oxfam
  • Statistisches Bundesamt
  • Alterssicherungsbericht der Bundesregierung (Ergänzender Bericht der Bundesregierung zum Rentenversicherungsbericht)
  • Polizeiliche Kriminalstatistik

2. Die Zahl der Organisationen, die auf den verschiedensten Gebieten tätig sind, ist verwirrend vielfältig wie die Interessen der Personengruppen, die sie zu vertreten vorgeben (Verein, Partei, Stiftung, Unternehmen, Gemeinden, Länder, Kirchen u.a.). Wer Vernunft geltend machen will, dem bleibt eigentlich nur die Möglichkeit, sich innerhalb der Organisation auf ein vernünftiges Vorhaben zu konzentrieren. Er muss deshalb der Organisation nicht beitreten, wenn er den vernünftigen Zweck gezielt unterstützen will. Er sollte nicht nur anhand der Programme und Proklamationen, sondern anhand der praktischen Ergebnisse nach der geeigneten Organisation und dem geeigneten Vorhaben suchen.
Die Wirksamkeit wächst, wenn sich Organisationen im Sinne der Vernunft zu Bündnissen zusammenschließen.
Empfehlungen können angesichts der Vielfalt der Organisationen kaum gegeben werden.

3. Für die Entwicklung und Verbreitung vernünftigen Denkens und Handelns kann die Nutzung von Organisationsformen der kollektiven Intelligenz (Schwarmintelligenz, Gruppenintelligenz) förderlich sein. Durch das Zusammenwirken (die Kommunikation) von Individuen und spezifischen Handlungen können neue Eigenschaften und Strukturen der sozialen Gemeinschaft entstehen. Es existiert ein Urheber des Schwarms (im sehr weit übertragenen Sinne die Königin eines Bienenstockes). Der Schwarm bildet die Grundlage des Vorhabens. Eine wichtige Arbeitsmethode ist die Nutzung der Informationstechnologie bei einer hauptsächlich auf Konsens beruhenden Organisation. Bei dieser Art von Organisation und teilweiser Selbstorganisation darf die Vernunft nicht durch blinde Technologiegläubigkeit verdrängt werden.

Denkbare Beispiele:

  • Vernunftcheck mit Übungen von Beispielen als Teil des Schulunterrichts. Kreative Lehrer und Schüler könnten zu Urhebern eines Schwarms werden.
  • Urheber könnten auch Vereine zur Förderung der Vernunft werden.

Die Macht der Straße

Die historischen Ereignisse bis zu Erfahrungen der jüngsten Zeit zeigen, dass Menschenmassen, die auf den Straßen demonstrieren, gesellschaftliche Verhältnisse ändern können, und dass die herrschenden Mächte nichts mehr fürchten als die Macht der Straße.
Bevor die Vernünftigen auf die Straße gehen, sollten sie in jeder Phase des Protestes abwägen, ob die Aktionen vernünftigen Zwecken dienen und versuchen, die Aktivitäten in diese Richtung zu steuern. Massenaktionen verlaufen meist dynamisch und können ein Eigenleben entfalten, dessen Ergebnis nicht immer vorhersehbar ist und vom ursprünglichen Anliegen der Demonstranten abweichen kann. Einzelheiten mögen die Revolutionsforscher und die Soziologen untersuchen.

Zwei überwiegend vernünftige Ziele verfolgende Massenbewegungen mögen Lehren und Anregungen vermitteln, wobei die Ereignisse und Hintergründe dieser Bewegungen hier nicht einmal ansatzweise dargestellt werden können, sondern nur zur weiteren Beschäftigung auffordern sollen. Sie sind auch nicht schablonenhaft auf heutige Verhältnisse übertragbar.

Mahatma Gandhi (1869-1948, s, Wikipedia 12.11.2016) hat in der Auseinandersetzung gegen die Unterdrückung von Minderheiten und im Kampf gegen die britische Kolonialherrschaft in Indien das »Prinzip des Festhaltens an der Wahrheit« praktiziert, d.h. eine aktive Strategie der Nichtkooperation: Übertretung ungerechter Gesetze und Anweisungen, Streiks einschließlich Hungerstreiks, Boykotte gegen bestimmte britische Waren und Propagierung ausschließlicher Verwendung einheimischer Produkte, Provokation von eigenen Verhaftungen, eine wirksame Symbolik. Diese auch als »passiver und gewaltfreier Widerstand« und »ziviler Ungehorsam« bezeichneten Massenbewegungen waren letztlich erfolgreich. Zusammengewirkt hat eine gleichgesinnte Personengruppe, die auch in der Lage war, auftretende Fehlentwicklungen zu korrigieren.

Ein weiteres Beispiel: Die als friedliche Revolution bezeichnete Massenbewegung 1989 in der DDR hat zur Beseitigung eines nicht lernfähigen Systems geführt. Hauptelement der Massenbewegung waren gewaltfreie Proteste gegen die politische Führung des Landes und ihren Machtapparat. Komplexe Ursachen und Bedingungen lagen diesen Aktionen zu Grunde.

Völlig andere Arten der Massenbewegung sind der so genannte Smart Mob (auch schlauer Mob, Flash Mob mit politischem oder wirtschaftlichem Hintergrund, flash = Blitz, mob = aufgewiegelte Volksmenge) und die CM-Bewegung (cm = critical mass). Sie sind gekennzeichnet durch

  • von einem Urheber verfassten Aufruf
  • Verbreitung über Online – Communities, Weblogs, Newsfroups, E-Mail-Kettenbriefe
  • Informationen über die Aktion selbst und eventuell mitzubringende Gegenstände
  • einen vereinbarten Zeitpunkt
  • überraschende Mobbildung mit identischem Handeln
  • Ende durch ein vereinbartes Signal oder eine erreichte Zeit.

Smart Mobs sind inzwischen gebräuchliche Protestmethoden (s. Wikipedia 12.11.2016). Im Internet sind unter dem Titel »Jetzt Reicht’s« 50 Anleitungen zum Bürgerprotest beschrieben. Beispiele für Smart Mob – Aktivitäten sind

  • Versammlungen von Globalisierungskritikern
  • Bündnis »Bahn für alle« 2007 gegen die Bahnprivatisierung
  • »Pflege am Boden« weist auf Pflegemissstand hin
  • 2001 haben Smart Mobs zum Sturz des philippinischen Präsidenten beigetragen
  • Critical Mass ist für Radfahrerproteste gegen Verkehrsprobleme bekannt.

Wie Beispiele zeigen, ist diese Form der Massenbewegung durchaus für Zwecke der Vernunft nutzbar und genutzt worden. Sie muss vernünftige Lösungen anbieten und darf nicht Anarchie anstreben.

Bringt Vernunft zu den Lehrern und in alle Schulen

Laut Weltbevölkerungsstatistik nimmt die Bevölkerung vor allem in den Entwicklungsländern zu, sie konzentriert sich in den Städten, die Lebenserwartung steigt. Es existiert eine hohe Jugendarbeitslosigkeit vor allem in den südlichen und den arabischen Ländern. Die Kluft zwischen arm und reich wächst, Kinderarmut und Altersarmut nehmen zu, und die wirtschaftlich und politisch Herrschenden sind zu keinen wirksamen Verbesserungen bereit. Globalisierung und Neoliberalismus verschärfen die Widersprüche zum Nachteil der armen Länder und Personen. Das Vorherrschaftsstreben der USA führt zu militärischen Konflikten und zur Destabilisierung ganzer Regionen. Islamistische Strömungen säen Hass. Weltweit werden Frauen benachteiligt. Nach wie vor hungern Millionen Menschen und haben keinen Zugang zu sauberem Wasser. Weltweit verknappen die Ressourcen an Rohstoffen. Klimaveränderungen tragen zu Katastrophen und Einengung von Lebensräumen bei.

Alle diese Faktoren führen zu gewaltigen Bevölkerungsbewegungen, die in Zukunft noch zunehmen werden, da sich die Einflüsse nicht ändern, sondern teilweise verstärken. Es ist nicht erkennbar, dass die Staatengemeinschaft wirksam gegensteuert.

Wer steuert dann gegen? Die Menschen, denen es am schlechtesten geht, die sozial Erniedrigten und wirtschaftlich Zurückgebliebenen sind schwer mit einer solchen Botschaft zu erreichen. Sie machen sich einfach auf den Weg dorthin, wo sie glauben, dass es ihnen besser geht. Nachhaltig gegensteuern können nur Bildung und Aufklärung unter Führung der Vernünftigen. Gelernt werden müsste das schon in der Schule.