Praktische und angewandte Vernunft

Autor: Prof. Dr. Arnulf Burckhardt

Inhaltsverzeichnis

I. Vernunft und Rationalität

In dieser Welt sich zurecht zu finden ist schwierig, besonders wenn Volksbewegungen, Wirtschaftskrisen und Kriege die Zustände verändern, wie es in den zurückliegenden Jahrzehnten mehrfach geschah. Jeder weiß, wie kompliziert und widersprüchlich alles zu sein scheint, was heute in Natur und Gesellschaft geschieht und in der Gesellschaft entschieden wird.

Auf der Suche nach einer den Völkern vermittelbaren und für die Herrschenden handhabbaren einfachen Erklärung wurden bis heute die Welt und ihre Gruppierungen oft in »Gut« und »Böse« eingeteilt. Den tatsächlichen Verhältnissen wird eine solche Kategorisierung nicht gerecht; sie berücksichtigt ihre Komplexität und Kompliziertheit nicht.

Für die realistische Bewertung gesellschaftlicher Vorgänge hat es sich bewährt, der Entscheidungsfindung die Regeln der Vernunft vorzuschalten, denn Vernunft ist das oberste Erkenntnisvermögen, das den Verstand kontrolliert. Verstand bedeutet Fähigkeit zu logischem Denken und Problemlösen.

Um klar und unmissverständlich auszudrücken, was gemeint ist, muss zwischen Vernunft und Rationalität unterschieden werden. Der lateinische Begriff »ratio« wird oft mit »Vernunft« übersetzt, und »Rationalität« mit »vernunftgeleitetem Denken und Handeln« gleichgesetzt. Es gibt also rationelle Methoden, um mit einem günstigen Kosten-Nutzen-Verhältnis zu fehlerfreien und risikoarmen Entscheidungen zu gelangen. Sie beginnen mit der Problemerkenntnis, erfordern eine gründliche Analyse (Diagnose), führen Vergleichsuntersuchungen und Folgeabschätzungen durch, ermitteln die notwendigen Kräfte und Mittel, arbeiten Varianten aus und wägen ab. Mit Hilfe dieser Rationalität kann man einen Banküberfall planen, den Bau einer Autobahn vorbereiten, eine Wahl gewinnen oder einen Rechtsstreit beenden. Unter welchen Bedingungen aber ist die Anwendung von rationellen Methoden auch vernünftig? Das ist von ihren Zielen abhängig. Handeln ist dann vernünftig, wenn es menschenwürdig ist, dem Gemeinwohl dient und von verständigen Menschen empfohlen werden kann.

Luther hat in seinen Tischreden »ratio« und »Vernunft« gleichgesetzt. Er bezeichnet einerseits »Vernunft als des Teufels Hure« und meint damit ein rationales Wirken, das der Teufel zweifellos an den Tag legen kann, um sich dienstbar zu machen. Andererseits lobt Luther die durch Gott erleuchtete Vernunft.

Eine relativ klare Vorstellung von Vernunft scheint eine einfache alte Volksweisheit als wichtiges Veraltensmuster bewahrt zu haben. Generationen von Eltern machten ihren Kindern und Enkeln, wenn sie sich falsch verhielten und ihre Fehler nicht einsehen wollten, mit Nachdruck begreiflich: »Kind, sei doch nun endlich vernünftig!« Das war die letzte Warnung vor schärferen Konsequenzen, und Kinder und Enkel wussten das. Meist half das auch.

II. Das Welt-Eigentumskataster

In einem weltweiten Eigentumskataster sollte erfasst werden, welche Staatsbürger grenzübergreifend Anteile an welchen Unternehmen halten (Piketty, Th.: Das Ende des Kapitalismus wird kommen. Interview LVZ Nr. 104 vom 5./6.5.2018, S. 3).

Die Erfassung soll einer fairen und korrekten Beateuerung dieses Eigentums dienen.

Der Nutzen eines Eigentumskatasters geht jedoch weit über Steuerfragen hinaus. Über das Eigentum erfolgt in der Regel eine direkte oder indirekte Beeinflussung ökonomischer und politischer Entscheidungen. Art und Umfang des Eigentums spielen dabei eine wesentliche Rolle.

Des weiteren können Aussagen über das Wachstum und die Konzentration von Eigentum, also über dessen Bewegung, getroffen werden. Vor diesem Hintergrund können Erkenntnisse über vernünftiges und unvernünftiges Handeln, dessen Ursachen und Triebkräfte gewonnen werden, die sonst oft im Verborgenen geblieben sind.

Aus Praktikabilitätsgründen wird man das Eigentum dieser Kategorie erst ab einer bestimmten Wertigkeit erfassen.

Der Staat wird, indem er diese Erkenntnisse nutzt, besser in die Lage versetzt, regulierend einzugreifen: gemeinwohlschädliche Kapitalkonzentrationen und deren Einfluss auf staatliche Entscheidungen zu verhindern oder zu begrenzen, oder der weltweit wachsenden Schere zwischen arm und reich zu begegnen.

Von Unternehmenseigentümern für ihre Interessen genutzten Big-Data-Gebilde können in transparente und kontrollierbare Standards überführt und Verstöße gegen derartige Rechtsnormen juristisch geahndet werden (vgl. Grimm, I.: Die kritische Masse. LVZ Nr. 104 vom 5./6.5.2018, S. I).

Von der Bewältigung dieser Aufgaben sind die Staaten, Völker und Religionen einschließlich der betroffenen weit entfernt.

Informationen über die reichsten Personen, Firmen, Unternehmen, Stiftungen usw., ihre Entwicklung in den zurückliegenden Jahren sowie über die Branchen und Gebiete, in denen sie hauptsächlich tätig sind, kann man aus zahlreichen Statistiken entnehmen. Die Verbindungen zwischen politischen Entscheidungsträgern, Denkfabriken und Ausrichtung bestimmter Medien einerseits und Eigentumsmacht andererseits sind Gegenstand der Untersuchungen vor allem der Lobbykontrolle. Die transparente Darstellung des Gesamtsystems ist lediglich eine Fleißarbeit.

III. Register und Sachgebiete, Ross und Reiter

Vernunft und Unvernunft und ihre Vertreter und Verfechter, also Ross und Reiter, sollen namentlich genannt werden, schon wegen des Verursacherprinzips und – vor allem bei unvernünftigen Handlungen – wegen des Einstehenmüssens für ihre Handlungen.

Der Übersichtlichkeit halber habe ich sie mit einem kurzen Text beschrieben und wie in einer Kartei katalogisiert. Jedermann hat infolge der Anschaulichkeit und Verständlichkeit der Beschreibung leichten und schnellen Zugriff zu dieser Datei.

Die Kurzdarstellungen der vernünftigen und unvernünftigen Handlungen, Zustände und Verhältnisse habe ich in Register und Sachgebiete geordnet und außerdem nach Wichtigkeit und Bedeutung sortiert. Im Ergebnis dieses Versuchs einer »weltgeschichtlichen Buchhaltung« liegen nunmehr vor: Das »Globale Schwarze Register unvernünftiger Handlungen« einerseits und das »Globale Vernunftregister« andererseits, jeweils eingeteilt in Sachgebiete, sowie nach dem gleichen Prinzip das »Nationale Schwarze Register« und das »Nationale Vernunftregister«.

Die in den Registern und Sachgebieten aufgeführten Sachverhalte sind mit Fakten, allgemein anerkannten Normen und Beweisen belegt. Sie sollten möglichst unwiderlegbar begründet sein. Ständig müssen sie weiter konkretisiert und aktualisiert werden, denn die Welt steht nicht still. Neue Beispiele werden hinzukommen und andere, hoffentlich die unvernünftigen, werden verschwinden, aber nicht vergessen. Die Arbeit an den Registern und Sachgebieten kann demzufolge niemals abgeschlossen sein, so wenig wie man je ihre Vollständigkeit wird rühmen können.

Es bleibt unbenommen, auch »Regionale Schwarze Register« und »Regionale Vernunftregister« zu führen, was sicher die Diskussion in den Kommunalvertretungen beleben würde. Wer Interesse an einer vernünftigen Selbstkontrolle hat und wem es Freude bereitet, kann ein vereinfachtes formloses »Persönliches Schwarzes Register« und ein »Persönliches Vernunftregister« einrichten, die in der Regel nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sein werden; sie ähneln dann einem Tagebuch.

In Diskussionen ist vorgeschlagen worden, dass getrennt werden sollte zwischen persönlicher Vernunft und gesellschaftlicher Vernunft. Das würde jedoch auf eine Art doppelte Vernunft hinauslaufen. Eine solche Trennung ist weder erkenntnistheoretisch, noch in der praktischen Entscheidungsfindung gerechtfertigt, sie ist abzulehnen. Gemeint ist offenbar etwas ganz anderes, nämlich die Berücksichtigung der Tatsache, dass die Voraussetzungen und der Aufwand für Entscheidungen sowie ihre Auswirkungen höchst unterschiedlich sein können. Für unsere Arbeit ergibt sich daraus die Konzentration auf gesellschaftlich relevante Themen.

Ordnet man die Probleme nach ihrem Gewicht und ihrer Bedeutung, so muss man nicht lange suchen, um herauszufinden, auf welche Sachgebiete sich die Menschheit vorrangig konzentrieren muss, um ihre Überlebensprobleme zu lösen. Wichtig und dringlich sind Lösungen auf zwei miteinander verbundenen Sachgebieten des »Globalen Schwarzen Registers«: die Vermeidung von Kriegen und von Verteilungskämpfen um Ressourcen. Das bedeutet:

  • Rüstungskontrolle und Abrüstung, die ihren Namen verdienen, also umfassend und wirksam sind. Jeder Schritt dahin gehört ins Vernunftregister.
  • Schutz der Menschheit vor Übervölkerung und Risikobesiedelung. Komplexes Problem, lösbar u.a. durch Bildung und Gleichberechtigung der Frau / umfassende Aufklärung von Männern und Frauen über Schwangerschaftsverhütung und Bereitstellung entsprechender gesundheitsverträglicher Mittel / Durchsetzung von Wirtschaftsformen, die Kinderreichen und Kinderlosen einen Mindestlebensstandard einschließlich Mindestversorgung im Alter sichern.

Von der Bewältigung dieser Aufgaben sind die Staaten, Völker und Religionen einschließlich der betroffenen weit entfernt.

IV. Was tun?

Die Vernunft hat seit Jahrtausenden Spuren hinterlassen. Sie ist die stammesgeschichtliche Begleiterin der Menschen und überlebenswichtiger Teil ihres genetisch bestimmten Verhaltens.

Obwohl Vernunft die Stammesgeschichte der Menschen bis heute begleitet, stehen wir vor folgendem Problem: Menschenmassen sind manipuliert worden und haben sich dazu verleiten lassen, unvernünftige Entscheidungen zu treffen. Sie sind in den ersten Weltkrieg gezogen, haben unter Führung der Nazis den zweiten Weltkrieg begonnen, haben die organisierte Vernichtung jüdischer Bürger betrieben und alle verfolgt, die sie als Marxisten, Gewerkschaftler oder mit einem anderen Feindbild belegt haben. Der Vietnamkrieg und der Irakkrieg wurden völkerrechtswidrig geführt, Länder destabilisiert und Flüchtlingsströme verursacht. Die Personen, die maßgeblich derartige unvernünftige und verbrecherische Entscheidungen getroffen haben, sind in den meisten Fällen namentlich bekannt. Nur wenige wurden zur Verantwortung gezogen und bestraft.

Die Widerstandskraft der Menschen gegen die Unvernunft reichte nicht aus, und es ist zu bezweifeln, ob sie angesichts der vor der Menschheit stehenden Probleme in Zukunft ausreichen wird. Hinzu kommt, dass die Menschen insbesondere seit Ende dieses Jahrhunderts von Kindheit an mit einer Fülle von vielfach völlig unwichtigen Informationen zugeschüttet werden. Es fällt ihnen immer schwerer, den Weg zu finden, vernünftige Entscheidungen zu treffen.

Angesichts des überbordenden Egoismus und des Elends auf der Welt, des Raubbaus an den Ressourcen und des Artensterbens, das alles für jedermann sichtbar, fragen wir, was wir dagegen tun können. Es ist der gleiche Zorn, der Caparrós in seinem Buch »Der Hunger« (Suhrkamp 2015) getrieben hat, als er schrieb: Wie zum Teufel können wir weiterleben, obwohl wir wissen, dass diese Dinge geschehen?

Was zu tun ist, liegt auf der Hand: Die in den »Schwarzen Registern« aufgeführten Zustände und Verhältnisse müssen unter Nutzung aller Handlungsmöglichkeiten, die uns die Geschichte gelehrt hat und die Gegenwart vor uns ausbreitet, beseitigt, überwunden oder zurückgedrängt werden. Das Leben lehrt aber auch, dass die Vernünftigen mitunter Kompromisse eingehen müssen, damit sie auf dem Weg der Vernunft vorankommen, ohne sofort den erstrebten Zustand zu erreichen.

Das klingt alles gut und ist auch richtig, wiederholt aber nur längst allgemein Bekanntes, eine sogenannte Binsenweisheit, die nichts verändert, eine zahnlose Worthülse.

Alles steht und fällt mit persönlichen Aktivitäten und der Gewinnung von Verbündeten – man könnte sie scherzhaft »Vernunftbündler« nennen – , die Einfluss in der Gesellschaft gewinnen. Die Einflussmöglichkeiten eines Einzelnen – wie die des Autors – sind schwach. So schwach wie die eines Hobbits. Aber man kann beginnen. Zunächst werden sich erst einmal interessierte Personen, die sich mit Fragen der Vernunft beschäftigen, zusammenfinden. Davon gibt es schon einige.

Das »Register« soll als ständiger Jahresbericht etabliert werden. Deshalb ist es aus dem Kapitel »Praktische Vernunft« herausgenommen worden. Das »Register« soll in Verbindung mit dem Namen des Autors als BURCKHARDTS VERNUNFTREGISTER einen größeren Publizitätsgrad erreichen, gewissermaßen ein eigenes Markenzeichen.

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So kompliziert ist es manchmal gar nicht, sich zurecht zu finden. Einem bekannten römischen Redner und Staatsmann genügte dazu die einfache Frage: »Cui bono?«, heißt »Wem zum Vorteil?«, oder »Wem nützt das?« Wer die Frage konkret und begründet beantwortet, der hat den Nutznießer unvernünftiger oder vernünftiger Handlungen entdeckt. Die vor der Antwort zu bewältigende Entscheidungsfindung ist ihm damit allerdings nicht abgenommen.

Und wer meint, dass bei Entscheidungen stets wirtschaftliche Überlegungen eine wichtige Rolle spielen, der richte sich nach der kaufmännischen Weisheit:

Vernunft bringt am Ende mehr Geld als Unvernunft. (Dr. Uwe Laugwitz, Generaldirektor i.R.)

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